Ein Bund fürs Leben (I)
April 20, 2009
Der dritte Anfang

Die Sonne blinzelte ins nur schwach verdunkelte Zimmer. Wecken konnte sie Anne nicht mehr. Anne wälzte sich schon seit 4 Uhr im Bett hin und her. Sie hat schlecht geschlafen, obwohl sie früh ins Bett gegangen war.
Ein neues Schuljahr stand vor der Haustür, aber das war nicht der Grund für Annes Schlaflosigkeit. Erste Schultage hatte sie schon genügend erlebt. Aufregend war es nur, als sie als ABC-Schützin zum ersten Mal ein Schulhaus betrat, und als sie die heiligen Hallen, das Theodor-Heuss-Gymnasium, als hoffentlich angehende Abiturientin zum ersten Mal beehrte. Daß sie die ehrwürdige Schule ohne Abitur verließ, war nicht geplant. Die 12. Klasse wurde ihr neben einigen anderen Dingen eine zu große Hürde, so daß sie einen Neuanfang versuchen wollte. Das “AEG”, wie das Albert-Einstein-Gymnasium genannt wurde, sollte ihr nun den Weg zur Hochschulreife ebnen.
Mit ihren 19 Jahren war sie sicher einer der Älteren, dachte sich Anne. Sie fühlte sich nicht recht wohl mit dem Gedanken, aber andererseits war sie froh, daß dort die Leistungskurskombination Italienisch-Französisch angeboten wurde. Mit Latein und Kunst war sie kläglich gescheitert.
Anne drehte sich noch einmal um, zur Wandseite, um dem Antlitz der Sonne aus dem Weg zu gehen. Aber die Sonne war heute trickreicher als sie. Selbst die Wand erhellte sie für Anne unangenehm. Der Radiowecker machte zwar noch keine Anstalten, sie aus dem Schlaf zu holen, aber sie beschloss, ihm zuvorzukommen.
Eigentlich noch müde, innerlich aber vollkommen aufgekratzt, begab sie sich ins Bad. Selbst ihre Eltern, die sonst vor ihr wach waren, waren in der Wohnung, die vor allem in der Früh sehr viel Sonne abbekam, noch nicht zu sehen. Für die Morgentoilette, die nervöser als sonst verlief, benötigte sie rund eine etwa eine halbe Stunde. Anne wurde von der Türklinke abgelenkt. “Oh, Pardon”, hörte sie ihren Vater, der unter der Woche als erster das Familienleben eröffnete.
Die Kleidung, die sie sich schon am Abend herausgelegt hatte, erschien ihr angemessen. Ein grünes Oberteil, ein weißer BH, ein weißer Slip und eine Jeans, unter der sie eine hautfarbene Feinstrumpfhose tragen wollte, lagen auf dem Klodeckel bereit. Die Wettervorhersage versprach zwar Temperaturen von bis zu 25 Grad, aber sie konnte Anne nicht überzeugen. Heute war ein Tag, an dem Sicherheit gefragt war. Eigentlich benötigte sie jeden Tag Sicherheit. Und wenn sie noch so dünn war – eine Strumpfhose bot Anne Sicherheit. Wahrscheinlich war die Feinstrumpfhose heute dicker als sonst an solch prognostizierten warmen Tagen. Sie zog sich in der Ruhe, die sie an dem Tag haben konnte, an. Als sie aus dem Badezimmer kam, schaute sie ihr Vater ziemlich irritiert an. Sie war nicht weniger irritiert und steuerte wie ferngesteuert auf die Küche zu.
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